Fruchtbares Land im Überfluss, Millionen hungernde Afrikaner:innen: das Paradox

Fruchtbares Land im Überfluss, Millionen hungernde Afrikaner:innen: das Paradox

Afrika verfügt über riesige Ackerflächen, doch Millionen hungern. Landgrabbing, Bewässerung, Politik: Ursachen und mögliche Lösungen.

Betfrika Team
8 Min. gelesen

Afrika verfügt über riesige Ackerflächen, doch Millionen hungern. Landgrabbing, Bewässerung, Politik: Ursachen und mögliche Lösungen.

Afrika verfügt über riesige Ackerflächen, doch Millionen hungern. Landraub, Bewässerung, Politik: die wahren Ursachen und mögliche Lösungen

Afrika besitzt fast 60 % der ungenutzten Ackerflächen der Welt. Dennoch leiden täglich über 280 Millionen Afrikaner:innen an Hunger. Dieses grausame Paradox zwingt uns, einer unbequemen Realität ins Auge zu sehen: Der Kontinent, der die Welt ernähren könnte, hat Mühe, seine eigenen Kinder zu versorgen. Das Problem liegt nicht am Land, sondern daran, wie wir es nutzen, wertschätzen und vor allem wie wir die Menschen sehen, die es bestellen.

Dieses Paradox ist nicht einzigartig. Landwirt:innen in Europa und Afrika stehen vor ähnlichen Herausforderungen, wenn auch in unterschiedlichen Kontexten: geringer Wertschätzung, ökonomischer Druck, ungeeignete Politik. In Afrika verschärfen historische und wirtschaftliche Dynamiken diese Probleme dramatisch. Diese Mechanismen zu verstehen, ist dringend, wenn wir die Entwicklung umkehren und echte Ernährungssouveränität aufbauen wollen.

Die große Umleitung: wenn afrikanisches Land andere Kontinente ernährt statt die eigene Bevölkerung

Seit den 2000er-Jahren erlebt Afrika eine beispiellose Welle massiver Landkäufe. Rund 25 Millionen Hektar wechselten den Besitzer – zwischen ausländischen Investoren und nationalen Eliten. Diese riesigen Flächen, so groß wie mehrere europäische Länder, wurden oft im völligen Dunkel übertragen, fernab der Gemeinschaften, die sie seit Generationen bewirtschaftet hatten.

Das Phänomen hat einen technischen Namen: Landgrabbing im großen Stil. Dahinter steckt eine brutale menschliche Realität. Ganze Familien verlieren über Nacht ihr angestammtes Land. Dörfer finden sich plötzlich von riesigen Industrieplantagen umgeben, die sich bis zum Horizont erstrecken. Traditionelle Wasserquellen, seit Jahrhunderten genutzt, werden unzugänglich – eingezäunt und bewacht. Vor allem verschwinden die Nahrungsmittelpflanzen, die die lokale Bevölkerung direkt ernährten – Hirse, Maniok, Mais – zugunsten riesiger Monokulturen ausschließlich für den Export auf internationale Märkte.

In Mosambik wurden zehntausende Hektar an ausländische Firmen vergeben, um Jatropha zu produzieren, eine vermeintliche Wunderpflanze für Biokraftstoff in europäischen Autos. Versprochen wurden massenhaft Jobs, ländliche Entwicklung, Modernität, Wohlstand. Die Realität sah anders aus. Viele Projekte wurden nach wenigen Jahren aufgegeben, hinterließen ausgelaugte, chemisch belastete Böden und enteignete Gemeinden, die ihr eigenes Essen nicht mehr anbauen konnten. In Kenia ersetzten ähnliche Projekte wichtige Weideflächen durch riesige Rosenplantagen für Valentinssträuße auf europäischen Märkten, während lokale Hirten dauerhaft ihre Lebensgrundlage verloren.

Diese massiven Übernahmen brachten selten die wirtschaftlichen Vorteile, die zu Beginn lautstark angekündigt wurden. Viele Konzessionen blieben jahrelang ungenutzt und blockierten produktive Flächen, ohne Wohlstand zu schaffen. Andere erzeugten zwar Jobs, aber extrem prekäre, schlecht bezahlte Saisonarbeit ohne sozialen Schutz, statt wie versprochen die lokale Ernährungssicherheit zu verbessern. Noch schlimmer: Sie ersetzten vielfältige, autonome Agrarsysteme, die Familien seit jeher ernährten, durch starre industrielle Modelle – abhängig von teuren importierten Chemikalien und voll ausgerichtet auf volatile Weltmärkte statt auf lokale Bedürfnisse.

Die Umweltfolgen sind ebenso verheerend und dauerhaft. Laut CIRAD trägt Landraub massiv zu Entwaldung, irreversibler Biodiversitätsverluste, chemischer Bodendegradation und massivem Wasserschwund bei. Ganze Ökosysteme werden zerstört, um Platz für industrielle Monokulturen zu schaffen, die ironischerweise die Böden verarmen, statt sie nachhaltig zu nutzen.

Tiefe strukturelle Hürden: fehlende Bewässerung, alte Werkzeuge, schwache Politik und geringe Wertschätzung für Landwirtschaft

Landraub allein erklärt nicht alles. Wenn Millionen fruchtbarer Hektar brachliegen, während Hunger anhält und schlimmer wird, liegt das auch an strukturellen Hürden, die die Politik nie ernsthaft und mit der nötigen Dringlichkeit angegangen hat.

Erstens fehlt Kleinbauern und -bäuerinnen moderne Ausrüstung und Basistechnologie. In Subsahara-Afrika sind nur etwa 4 % der Anbauflächen korrekt bewässert. Der Rest hängt vollständig vom Regen ab, der durch den Klimawandel immer unregelmäßiger wird. Viele bestellen ihre Felder noch mit einfachen Handwerkzeugen der Großeltern, ohne echten Zugang zu verbessertem Saatgut, bezahlbarem Dünger oder praxisnaher Schulung, die Erträge vervielfachen könnte.

Zweitens sind Lager- und Verarbeitungsinfrastrukturen dramatisch unzureichend. Tonnen von Lebensmitteln verderben jedes Jahr nach der Ernte, weil Silos, Kühlräume und passierbare Straßen fehlen, um Produkte schnell auf Märkte zu bringen. Dieser enorme Verlust ist inakzeptabel, wenn Millionen nur wenige Kilometer entfernt hungern.

Drittens bleibt Zugang zu Agrarkrediten für die allermeisten Produzierenden unerreichbar. Ohne Startkapital lassen sich keine effizienten Geräte anschaffen, keine Qualitätsinputs kaufen, keine zusätzlichen Arbeitskräfte in Spitzenzeiten bezahlen. Banken stufen Landwirt:innen als risikoreich ein und verweigern Kredite, was einen Teufelskreis ländlicher Armut schafft.

Viertens begünstigen nationale Agrarpolitiken oft Großbetriebe für den Export, statt die Kleinproduzenten zu unterstützen, die tatsächlich die Bevölkerung ernähren. Subventionen, sofern vorhanden, erreichen selten die Ärmsten. Ausbildungs- und Beratungsprogramme sind unterfinanziert, schlecht organisiert und erreichen abgelegene Dörfer kaum.

Fünftens – vielleicht am hartnäckigsten – gilt Landwirtschaft gesellschaftlich als Job der Armut, als Tätigkeit für diejenigen, die nicht studieren konnten. Junge Afrikaner:innen träumen vom Umzug in die Stadt, vom Bürojob mit Klimaanlage, vom Anzug statt der Hacke. Diese tiefe Abwertung fördert eine massive Landflucht, die die Dörfer um junge Arbeitskraft bringt und Städte überlastet. Dieser Werteverlust und der Bruch zwischen den Generationen betreffen auch andere Aspekte des Landlebens, etwa das schwindende Interesse an traditionellen Festen in Westafrika, und erzeugen eine Identitätskrise in den Gemeinschaften.

Konkrete, realistische Lösungen: Land absichern, Bauern aufwerten, Bewässerung ausbauen, ausbilden und Ernährungssouveränität aufbauen

Angesichts dieses düsteren, aber realen Bildes wäre Fatalismus ein schwerer Fehler. Es gibt konkrete, erprobte, realistische Lösungen, um die afrikanische Landwirtschaft zu transformieren und das Paradox von Hunger inmitten potenziellen Überflusses zu beenden.

Erste Priorität: die Landrechte von Kleinproduzierenden und Dorfgemeinschaften rechtlich absichern. Solange Landwirt:innen nicht sicher sein können, ihr Land zu behalten, investieren sie nicht langfristig. Gewohnheitsrechte müssen anerkannt, Verfahren zur Landregistrierung drastisch vereinfacht und Gemeinschaften vor missbräuchlichen Enteignungen und betrügerischen Käufen geschützt werden. Mehrere afrikanische Länder reformieren ihre Landgesetze in diese Richtung, aber die Anstrengungen müssen verstärkt und vor allem in der Praxis sichtbar werden.

Zweite Priorität: den Beruf sozial und wirtschaftlich aufwerten, um ihn für die Jugend attraktiv zu machen. Dazu gehören mehrere Hebel: Einkommen deutlich verbessern durch bessere garantierte Preise und faire Vermarktung, moderne technische Ausbildung massiv ausbauen, damit junge Menschen Landwirtschaft als innovativen, technologischen Sektor sehen, Zugang zu Agrarkrediten zu vernünftigen Konditionen erleichtern – eine Herausforderung, die auch junge afrikanische Gründer:innen in anderen Branchen trifft – und moderne, rentable, umweltfreundliche Agrarunternehmen fördern, die eine neue Generation von Agrarunternehmer:innen inspirieren.

Dritte Priorität: Bewässerung massiv ausweiten. Von 4 % auf 20 oder 30 % bewässertes Land zu kommen, würde Erträge stark erhöhen, Ernten gegenüber Klimaschocks absichern und mehrere Anbauzyklen pro Jahr ermöglichen. Das verlangt große öffentliche Investitionen in Wasserinfrastruktur: Staudämme, Kanäle, Tröpfchenbewässerung, Solarpumpen. Es gibt bereits wasserarme Bewässerungstechnologien für kleine Betriebe, die breit verbreitet werden müssen.

Vierte Priorität: Infrastruktur für Lagerung, Verarbeitung und Vermarktung stärken. Moderne Silos in jeder Agrarregion bauen, lokale Verarbeitungsbetriebe entwickeln, die Wertschöpfung und Jobs schaffen, ländliche Straßen verbessern, um Dörfer anzubinden, Großmärkte organisieren, auf denen Produzierende ohne Zwischenhändler verkaufen können, die den Großteil der Marge einstreichen. Diese Infrastrukturen reduzieren Verluste nach der Ernte drastisch und verbessern Einkommen.

Fünfte Priorität: Agrarpolitik grundlegend auf Ernährungssouveränität statt auf Export um jeden Preis ausrichten. Das heißt, Nahrungspflanzen priorisieren, die die lokale Bevölkerung direkt ernähren, Familien- und Kleinlandwirtschaft aktiv unterstützen, die den Großteil der ländlichen Bevölkerung beschäftigt, lokale Märkte intelligent vor massiven Importen schützen, die heimische Produzierende ruinieren, und massiv in agronomische Forschung investieren, die an afrikanische Bedingungen angepasst ist, statt unpassende Modelle zu importieren.

Betfrika ist überzeugt, dass die afrikanische Landwirtschaft den Kontinent würdig ernähren und sogar zur weltweiten Ernährungssicherheit beitragen kann – aber dafür braucht es einen tiefgreifenden Wandel von Politik, Mentalitäten und Praktiken. Wenn Sie diese Vision teilen und konkret zu diesem notwendigen Wandel beitragen möchten, laden wir Sie ein, mitzumachen. Entdecken Sie unsere landwirtschaftlichen Initiativen und Engagementmöglichkeiten auf der Seite Arbeiten Sie mit uns oder schreiben Sie an info@betfrika.org. Gemeinsam verwandeln wir das Paradox in geteilten Überfluss.

Betfrika Team

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2. Jan. 2025