Warum so viele junge afrikanische Gründer aufgeben: Ausbildung, Infrastruktur, Finanzierung, sozialer Druck und ungeschützte Ideen.
Warum so viele junge afrikanische Gründer aufgeben: Ausbildung, Infrastruktur, Finanzierung, sozialer Druck und ungeschützte Ideen.
Jeden Tag träumen tausende junge Afrikaner:innen davon, eine gute Idee in ein nützliches Unternehmen zu verwandeln. Sie wollen Jobs schaffen, lokale Probleme lösen und zur Entwicklung des Kontinents beitragen. Doch die Realität ist oft hart. Unternehmertum in Afrika gleicht eher einem Hindernislauf als einem romantischen Abenteuer. Bei Betfrika sehen wir dieses Paradox vor Ort: Der Kontinent wimmelt vor Talent und Intuition, aber zu viele junge Gründer stoßen auf Mauern, die so hoch sind, dass sie am Ende aufgeben – oder zusehen, wie ihr Projekt ohne sie weiterläuft.
Alles beginnt mit der Idee. Sie ist ein Startpunkt, keine Garantie. Eine Lösung für einen echten Bedarf zu finden, verlangt bereits Beobachtung und Methode. Doch in vielen Schulen und Universitäten bleibt der Unterricht theoretisch und weit weg von der Marktrealität. Wir bilden Absolvent:innen aus, aber selten Projektträger:innen, die eine Hypothese testen, ein Angebot bauen, Kund:innen finden, Budget steuern oder eine Innovation schützen können.
Nehmen wir Kouadio, einen jungen Absolventen in Abidjan. Er sieht, dass in seinem Viertel viele Familien Zeit verlieren, frische Produkte zu besorgen, und lokale Produzentinnen unregelmäßig verkaufen. Er stellt sich eine einfache App vor, um Angebot und Nachfrage zu verbinden. Die Idee ist gut, aber Kouadio hat nie Entwicklung, Marketing, Geschäftsmodelle oder juristische Grundlagen gelernt. Er lernt allein, durch Versuch und Irrtum, mit knapper Verbindung, Ausstattung und Netzwerk. Schon diese Phase zeigt eine häufige Realität: Viele starten mit viel Motivation, aber ohne die Werkzeuge, um schnell und treffsicher voranzukommen.
Nach der Idee folgt die schwierigste Phase: die Umsetzung. Ein Konzept in ein konkretes Produkt oder einen Service verwandeln und dann verlässlich, zugänglich und rentabel machen. Hier häufen sich die Hürden. Instabile Stromversorgung, teures Internet, Logistik, Straßen, Gerätekosten – alles macht jeden Schritt langsamer und teurer, ein Paradox wie der Reichtum an Ackerland bei gleichzeitigem Hunger. Weil Ressourcen begrenzt sind, wird der Gründer oft alles zugleich: Entwickler, Verkäufer, Buchhalter, Kommunikator, manchmal sogar Jurist. Diese Überlastung ermüdet und schwächt das Projekt.
Dazu kommt die Verwaltung, die selbst Hochmotivierte entmutigen kann. Ein Unternehmen formalisieren, Dokumente bekommen, Zugang zu Märkten, Fristen einhalten – all das kostet Zeit. Und Zeit bedeutet für ein junges Unternehmen Energie und Geld. Viele „sterben“ nicht, weil die Idee schlecht wäre, sondern weil der Weg zur Tragfähigkeit zu lang und zu teuer ist.
Dann kommt die Finanzierungswand. In vielen Kontexten fordern Banken Sicherheiten, die junge Menschen nicht haben: kein Vermögen, keine Historie, wenig Sicherheit. Private Investoren gibt es, aber sie konzentrieren sich oft auf bereits fortgeschrittene Projekte oder bestimmte Sektoren. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis: Ohne Finanzierung lässt sich die Tragfähigkeit kaum beweisen, ohne Nachweis bleibt die Finanzierung verschlossen. Viele stützen sich am Ende auf eigene oder familiäre Ersparnisse, was den Druck erhöht und Entscheidungen riskanter macht.
Es gibt auch ein unsichtbares, aber starkes Hindernis: sozialen Druck. In manchen Familien gilt Unternehmertum als Unsicherheit oder Zeitverlust, besonders wenn der „klassische“ Job als sicherster Weg gilt. Der junge Gründer trägt also eine Zusatzlast: Erfolg haben und gleichzeitig seine Wahl rechtfertigen, oft bei gleichzeitigen finanziellen Erwartungen der Familie. Dieser Druck bringt einige dazu, zu früh aufzugeben oder Kompromisse zu akzeptieren, die das Projekt schwächen.
Und viele leben mit einer ständigen Angst: dass ihnen die Idee gestohlen wird. Der Schutz von Innovation (Marke, Konzept, Verfahren, Patent, Verträge, Nachweis der Urheberschaft) wird oft schlecht verstanden, ist manchmal teuer und selten früh zugänglich – eine Erfahrung, die auch Künstler:innen machen, wenn es um Anerkennung und Legitimität geht. Also trauen sich manche nicht zu teilen, zögern, sich begleiten zu lassen, und arbeiten isoliert. Isolation beschleunigt das Scheitern, denn ein Projekt wird durch Feedback, Kritik, Partnerschaften und Mentor:innen stärker.
Trotz allem gibt es Gründe für Optimismus. Überall entstehen Inkubatoren, Trainingsprogramme, Wettbewerbe, Mentor-Netzwerke und Gründer-Communities. Sie lösen nicht alles, aber sie machen einen echten Unterschied: schneller lernen, früher testen, ein Netzwerk finden, erste Unterstützung bekommen, teure Fehler vermeiden.
Jetzt gilt es, diese Unterstützung zugänglicher und wirksamer zu machen. Unternehmertum in die Bildung integrieren, manche Verfahren vereinfachen, Finanzprodukte für junge Menschen entwickeln, den Zugang zu Energie und digitalen Tools verbessern und den Innovationsschutz erleichtern. Auf individueller Ebene helfen überlebenswichtige Reflexe: klein starten, schnell testen, einen ersten Kunden finden, bevor man „perfektioniert“, sich mit einem starken Partner zusammentun, Idee und Fortschritte dokumentieren und die Basics von Vertrieb und Liquidität lernen.
Afrika hat kein Ideenproblem. Es hat ein Rahmenproblem. Genau deshalb sind junge Unternehmer:innen so wichtig. Sie sind eine Kraft für Veränderung, aber sie können nicht allein ein ganzes System tragen. Bei Betfrika glauben wir, dass junges Unternehmertum ein Schlüssel zur Entwicklung ist – vorausgesetzt, wir hören auf, „Mut“ zu glorifizieren, und beginnen, gangbare Wege zu bauen, wie wir es in unserem kommenden Magazin über die Afrika-Vision der Menschen beschreiben. Junge afrikanische Gründer brauchen nicht nur Zuspruch, sie brauchen eine echte Chance.

Betfrika Team
Einblicke & Perspektiven
20. Juni 2024





