Kolonisierung hat zerstört und verändert. En cours de Colonisation beleuchtet Identität, Religion, Sexualität, Sklaverei. Ohne Verherrlichung, ohne Verleugnung – zum Verstehen.
Die Idee für den Podcast entstand in einem einfachen Moment – einem Gespräch, das lang wurde. Eines Abends nach einem Betfrika-Treffen sprachen wir über einen Kommentar unter einem Facebook-Post, dann über ein Buch, dann über eine Erinnerung aus dem Geschichtsunterricht, dann über eine Anekdote aus dem Team. Irgendwann meinte jemand fast seufzend: Wir kreisen immer um die gleichen Dinge. Wir sprechen über das Verbrechen, und das ist normal. Aber wir reden nicht darüber, was es in unseren Köpfen, Familien, Arten zu glauben, zu lieben, uns zu definieren angerichtet hat. Da merkten wir, dass es eine Blindstelle gibt.
Genau da liegt das Problem. Kolonisierung wird oft binär erzählt. Entweder reduziert man sie auf eine Liste von Gräueln oder versucht, sie mit verletzenden, ausblendenden Argumenten zu „rehabilitieren“. Dazwischen liegt ein schwieriger, aber notwendiger Raum: Verstehen. Betfrika wollte genau dort stehen – ohne Tabu, aber ohne Provokation.
En cours de Colonisation ist aus dieser Absicht entstanden. Nicht um Geschichte umzuschreiben, sondern um sie besser zu lesen. Nicht um zu verharmlosen, sondern um weiterzugehen. Es ging nie darum, Ausreden zu suchen oder künstliche Ausgewogenheit zu erzeugen. Es ging darum, eine ehrliche Frage zu stellen: Was hat diese Zeit zerstört, was aufgezwungen, und wie wirken ihre Spuren bis heute in unseren Gesellschaften?
Schnell war klar: Ein allgemein gehaltener Podcast reicht nicht. Wir mussten Schwerpunkte setzen – Themen, die ins Zentrum treffen. So entstand fast von allein die redaktionelle Linie. Identität, Religion, Sklaverei, Sexualität. Vier Themen, die ständig wiederkehren, selbst wenn wir sie nicht benennen. Vier Bereiche, in denen das koloniale Erbe sichtbar wird: in Normen, Ängsten, Widersprüchen, Schweigen und manchmal in Konflikten.
Zuerst die Identität. Die Kolonisierung hat nicht nur Grenzen auf Karten verschoben, sondern auch innere Bezugspunkte. Kategorien, aufgezwungene Sprachen, Schulsysteme, Hierarchien – all das hat geprägt, wie Menschen sich sehen und gesehen werden. Als Reaktion entstanden Bewegungen, Ideen verbreiteten sich, Bewusstsein formte sich. Identität heute zu verstehen heißt auch, diese Zeit zu verstehen, in der viele gezwungen wurden, sich neu zu definieren.
Dann die Religion. Auch hier ist die Geschichte komplex. Sie besteht aus Zwängen, Widerstand, Bekehrungen, Synkretismen, manchmal familiären Brüchen und neuen Institutionen. Dieses Thema ist allgegenwärtig im sozialen Leben, wird aber selten ruhig angegangen, weil es das Intime berührt. Im Podcast nehmen wir uns Zeit, zu verstehen, wie Glauben, Praktiken und spirituelle Macht sich neu zusammengesetzt haben.
Die Sklaverei ebenfalls, denn man kann nicht über Kolonisierung sprechen, ohne diese Maschinerie der Entmenschlichung und ihre Nachwirkungen anzuschauen. Systeme, Komplizenschaften, Ökonomien, Erbschaften zu verstehen, heißt nicht, zu relativieren. Es heißt, Abkürzungen abzulehnen und zu verstehen, warum manche Wunden offen bleiben und bestimmte Ungleichheiten sich zu wiederholen scheinen.
Und dann die Sexualität. Ein oft gemiedenes Thema, das doch viel über soziale Kontrolle aussagt. Importierte Normen, Moralkodizes, Gesetze, Tabus – all das hat das Verhältnis zum Körper, zum Begehren, zu Geschlechterrollen tief geprägt. Es ist kein Randthema, sondern ein Spiegel der Gesellschaften und ein Gradmesser dessen, was auferlegt, verändert oder verdrängt wurde.
Im Hintergrund war der Podcast auch eine Disziplin für uns. Wir mussten den richtigen Ton finden. Nicht provozieren, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Nicht vereinfachen, um schneller zu sein. Nicht den Eindruck erwecken, wir „balancierten“ das Grauen mit Positivem. Also legten wir eine einfache Regel fest: mit Nuance sprechen, ohne den Kompass zu verlieren – Fertigkeiten, die wir auch in unserem Rhetorik-Workshop schärfen. Verstehen heißt nicht rechtfertigen. Erkunden heißt nicht verherrlichen. Die Spuren zu benennen löscht die Gewalt nicht – es hilft, sie anzusehen.
Wenn Sie diese Fragen ansprechen, ist En cours de Colonisation für Sie. Jede Folge taucht in ein präzises Thema ein, mit einem Ziel: Ihnen Schlüssel zum Verständnis zu geben und ehrlichere, tiefere, nützlichere Diskussionen zu öffnen. Um die Diskussion in Richtung Zukunft zu verlängern, lesen Sie auch unser nächstes Magazin „Das Afrika, das Afrikaner:innen bauen wollen“.
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Betfrika Team
Hinter den Kulissen
30. Okt. 2024





