Die Profanation afrikanischer Geheimnisse: Gier, die die Magie bricht

Die Profanation afrikanischer Geheimnisse: Gier, die die Magie bricht

Wenn Geheimnis zur Show wird, verlieren afrikanische Mysterien ihre Kraft. Eine kritische Analyse der Profanation des Sakralen im Medienzeitalter.

Betfrika Team
5 Min. gelesen

Wenn Geheimnis zur Show wird, verlieren afrikanische Mysterien ihre Kraft. Eine kritische Analyse der Profanation des Sakralen im Medienzeitalter.

Wenn Geheimnis zur Show wird, verlieren afrikanische Mysterien ihre Kraft. Eine kritische Analyse der Profanation des Sakralen im Medienzeitalter.

In Afrika gibt es jahrhundertealte Traditionen, von Generation zu Generation weitergegeben, gehüllt in einen Schleier des Geheimnisses, den nur wenige zu lüften wagten. Oft spirituell, manchmal unerklärlich, bildeten diese Praktiken den Herzschlag vieler Gemeinschaften. Doch seit einigen Jahrzehnten rollt eine neue Welle: mediale Neugier gepaart mit Gier, die manche dazu drängt, diese Geheimnisse aufzudecken, zu filmen, zu dokumentieren und der Welt zu präsentieren.

In abgelegenen Dörfern in Nigeria, Benin oder Kenia fanden bestimmte Rituale einst fern aller Blicke statt. Nicht aus Scham, sondern aus Respekt. Eine uralte Weisheit lehrte, dass nicht alles gesagt, nicht alles gezeigt werden muss und dass manches Wissen eher verdient als konsumiert wird. Diese Logik des „nicht alles zeigen“ zeigt sich auch im nachlassenden Interesse an traditionellen Festen – wenn die Begeisterung erlahmt, bröckelt die Weitergabe.

Heute tauchen überall Kameras auf. Ausländische Journalist:innen, Dokumentarfilmer auf Motivsuche, digitale Content-Creator auf der Jagd nach Exotik suchen die Enthüllung, die viral geht. Hinter dem vermeintlichen Wissensdurst steckt oft etwas Banaleres: Reichweite, Bekanntheit, Geld. Ein gefilmtes Ritual wird zum viralen Clip. Ein initiatisches Geheimnis wird zum Content. Das Sakrale wird zur Show. Den gleichen Drift sieht man, wenn Symbole aus dem Kontext gerissen und als Accessoires konsumiert werden – wie die Symbolik afrikanischer Perlen zwischen Macht und Sakralem.

Diese Dynamik ist nicht neu. Seit der Kolonialzeit wird Afrika beobachtet, seziert, klassifiziert. Seine Kulturen wurden studiert, nicht um sie zu schützen, sondern um sie zu verstehen, zu dominieren, manchmal lächerlich zu machen. Neu ist heute die aktive Beteiligung mancher Afrikaner:innen an dieser Entblößung. Aus Bedürfnis nach Anerkennung, wirtschaftlichem Opportunismus oder Unkenntnis der Folgen werden sie zu Mittlern moderner Profanation. Das Geheimnis wird schlüsselfertig geliefert, untertitelt, monetarisiert. Gier brauchte nie einen Pass.

Ein Beispiel, um die Perspektive zu weiten.
Die Geschichte der kamerunischen Nationalmannschaft der 90er Jahre zeigt das eindrücklich. Die „unzähmbaren Löwen“ waren gefürchtet. Bei der WM 1990 in Italien schlugen sie den Titelverteidiger Argentinien und erreichten als erstes afrikanisches Team das Viertelfinale.

Man sprach von ihrer außergewöhnlichen mentalen Stärke, von einer kollektiven Energie, die sich nicht allein taktisch erklären ließ. Es kursierten Gerüchte: Rituale, spirituelle Schutzvorkehrungen, traditionelle Praktiken. Nichts war bestätigt, alles angedeutet. Die Spieler selbst blieben vage und lächelten geheimnisvoll bei hartnäckigen Fragen.

Genau dieser Schleier verstärkte ihre Aura. Das Geheimnis schüchterte ein. Gegner zweifelten, noch bevor sie den Platz betraten. Mit der Zeit kamen jedoch Reportagen, Geständnisse ehemaliger Spieler, erklärende Dokus. Je mehr gesagt wurde, desto mehr hob sich der Schleier. Das Geheimnis wurde zum simplen Medienstoff. Zufall oder Folge – die Mannschaft fand diese besondere Aura nie wieder, trotz talentierter Generationen danach.

Die Frage verdient Ehrlichkeit: Muss jedes Geheimnis bewahrt werden? Die Antwort ist nicht einfach. Manche Praktiken, verborgen unter dem Mantel des Sakralen, dienten als Rechtfertigung für verwerfliche Taten. In solchen Fällen ist das Lüften des Schleiers eine moralische Notwendigkeit.

Klar ist, dass das Ritual des heiligen Steins (ÉPÉ ÉKPÉ) der Völker von Aného in Togo medial dokumentiert werden sollte, um die weniger eingebundene junge Generation für Bräuche, Riten und Traditionen zu gewinnen. Doch niemand weiß genau, wo der heilige Stein genommen wird und wie er ausgewählt wird.

Es geht nicht darum, jede Dokumentation oder jeden Kulturaustausch abzulehnen. Es geht darum, klare Grenzen zu ziehen und zu fragen, wer erzählt, für wen und zu welchem Zweck. Heiliges Wissen ist kein Content wie jeder andere, ein Ritual ist keine Kulisse für einen exotischen Film, eine Tradition kein Marketingargument.

Betfrika glaubt, dass Afrika nicht völlig erklärt werden muss, um respektiert zu werden. Diese Idee, zu bewahren, was zählt – kulturell oder natürlich – findet sich auch in den Erkenntnissen aus unserem Fragebogen mit jungen Unternehmer:innen. Manche Kräfte beziehen ihre Macht gerade aus dem, was Kamera, Mikrofon und Kommentar selbsternannter Expert:innen nicht greifen.

Betfrika Team

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Einblicke & Perspektiven

5. Dez. 2024